Überwachung 30. August 2013 von

Eine Informationsgesellschaft ist immer eine Überwachungsgesellschaft

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Foto via SDASM Archives, PD

Der Überwachungsskandal hat Vertrauen zerstört und die Koordinaten der Informationsgesellschaft verschoben. Doch die versprochene Effizienz von „Big Data” und Überwachung sind zwei Seiten derselben Medaille, kommentiert Felix Knoke.

Dem Internet als Kommunikationskanal kann man nicht länger vertrauen. Doch nicht nur das Vertrauen ins Internet, und damit in Staat und Wirtschaft ist beschädigt, sondern auch das Selbstbewusstsein der Internet-User. Im Kern geht es um die Frage: Was heißt es, ein Individuum in der Informationsgesellschaft zu sein?

Denn eine Informationsgesellschaft ist immer auch eine Überwachungsgesellschaft. Nicht die Information bringt die Überwachung hervor, sondern die Überwachung die Information: Sobald menschliche Äußerungen und Regungen quantifizierbar werden, werden sie aufgezeichnet, um irgendwo etwas ökonomisch, bürokratisch oder ideologisch zu optimieren.

Das Internet ist darin ein Rationalisierungs-Werkzeug, das fast alle Bereiche unseres Lebens erreicht. Die Selbstvermessung durch ein Fitnessarmband, die ans Rechenzentrum angeschlossene Stechuhr, die NSA-Datenkrake, die Tracking-Cookies, Toll Collect sind alle Ausdruck dieser effizienteren, auf Quantifizierbarkeit getrimmten Welt.

Der neue Kollektivismus

Die neue Furcht vor staatlichen Geheim- und Polizeidiensten, dem Gestrüpp aus privaten Dienstleistern, staatlicher Überwachungsforschung und der wachsenden militärischen Cyber-Aufrüstung stellt einen gewaltigen Mentalitätswechsel dar. Der Staat erscheint als Verschwörer gegen seine Bürger: Für oder gegen wen arbeitet er eigentlich?

Die Welt, wie sie sich im Überwachungsskandal darstellt, ist eine Welt, in der man nur durch Konformität sein Leben führen kann. Wie das funktioniert, zeigt Facebook: Dort ist strikt geregelt, wie man kommunizieren kann: Es gibt nur eine Handvoll Ausdrucksmöglichkeiten. Wer anders reden will, muss woanders reden. Nur gibt es immer seltener ein Woanders. Wer partizipieren will, muss sich beschränken.

Ob Big Data und Massenüberwachung, die Vorhersage und Beeinflussung sozialer Prozesse, „Precrime”-Versuche oder Methoden, durch soziale Steuerung abweichendes Verhalten zu minimieren – all das sind avantgardistische Fantasien einer technokratischen Gesellschaftsmaschine. Ein neuer Kollektivismus wird an uns herangetragen: In den Rechenzentren gibt es das Individuum nur noch als Abstraktion, aggregiert zu einer formbaren Masse der verkürzten Identitäten.

Big Data und das Individuum

Nützlich ist in dieser Welt nur, was in den Aggregationsapparat eingespeist werden kann. Eine Weigerung, übliche Netzwerke zu benutzen ist im System der totalen Überwachung bedenklich: Aus „Ich hab ja nichts zu verbergen” wird: „Wer etwas verbirgt, ist eine Gefahr.” Wirklich private Kommunikation muss in den immer kleiner werdenden Offline-Raum verlegt werden – und selbst dort ist immer eine Digitalisierung möglich.

Die Überwachung selbst ist dabei nicht die Gefahr. Wir müssen Gesellschaftssysteme verhindern, die mit dem Effizienzversprechen von Big Data das Individuum aus dem Blick verlieren. In denen Rechenfehler ganze Gruppen diskriminieren können. Aber wie könnte eine alternative, eine emanzipatorische Informationsgesellschaft aussehen?

Für diese bedarf es zuerst eines gesellschaftlichen Wandels, der den Staat vor sich selbst schützt. Die Technik wird es nicht richten. Im Versuch, sich abzusichern, hat der Staat genau das zerstört, was er zu beschützen versuchte: die Integrität der Gesellschaft. Er hat den Schutz verwechselt mit dem, was zu schützen ist.

Eine erweiterte Version dieses Artikels erscheint in De:Bug Nr. 175.

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