Interview 31. Mai 2013 von

Leser sind eingeschlossen in E-Book-Ökosystemen

Wenn es Amazon oder Apple wollten, könnten E-Books zwischen Plattformen wie Kindle und iBooks austauschbar sein. Doch die Firmen verhindern das und schaden damit der europäischen Buchkultur. Zu diesen Ergebnissen kommt eine Studie der Europäischen und Internationalen Buchhändlervereinigung. iRights.info sprach mit den Autoren.

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Christoph Bläsi (l.) und Franz Rothlauf: „Der Nutzer sollte darauf achten, möglichst offene Endgeräte zu kaufen, und nicht solche, die für eine bestimmte Plattform geschlossen sind.“ Foto: Matthias Spielkamp

iRights.info: Herr Bläsi, Herr Rothlauf, Sie haben im Auftrag der Europäischen und Internationalen Buchhändlervereinigung (EIBF) in einer Studie untersucht, wie es um die Interoperabilität bei E-Books bestellt ist. Was ist mit Interoperabilität gemeint?

Christoph Bläsi: Vollständige Interoperabilität wäre erreicht, wenn man eine Buchdatei von einer Plattform, also etwa Amazons Kindle, nehmen könnte und mit allen Funktionalitäten in einem anderen System, zum Beispiel Apples iBooks, damit weiterarbeiten könnte. Mit Funktionalitäten ist alles gemeint, was sich um diese Datei herum rankt, zum Beispiel Metadaten, Kommentare, „social reading“-Spuren, Anmerkungen, Heraushebungen.

iRights.info: Und im Moment sind die E-Book-Formate nicht kompatibel?

Christoph Bläsi: Jedenfalls nicht vollständig. Man kann zum Beispiel auf einem iPhone von Apple eine Kindle-App haben, mit der man Amazon-Bücher kaufen und lesen kann. Aber diese Bücher sind dann woanders als die Bücher, die man bei Apple gekauft hat. Man kann sie nicht miteinander in Verbindung bringen, nicht in einer Liste sehen und so weiter.

iRights.info: Welche Formate gibt es derzeit und wie passen sie zusammen?

Christoph Bläsi: Es gibt einen Vorschlag für ein Standardformat, das heißt Epub3. Dann gibt es das Format KF8 von Amazon, und zwei Formate von Apple. Die sind zueinander nicht kompatibel. Eines der Apple-Formate ist mit Epub3 relativ gut kompatibel, und innerhalb der Apple-Welt kann man Epub3-Formate auch lesen. Man kann aber trotzdem nicht sagen, dass Apple ein offenes System ist; die Firma schützt ihre Dinge dann anders.

iRights.info: Warum machen die Hersteller das überhaupt – Formate anbieten, die miteinander nicht kompatibel sind –, statt einfach ein Standardformat zu nutzen?

Christoph Bläsi: Das hat mit dem Geschäftsmodell der Unternehmen zu tun. Denen geht es darum, voneinander abgeschlossene so genannte Ökosysteme für Inhalte aufzubauen. Das sind um ein E-Book oder ein bestimmtes Produkt herum aufgebaute Welten, in denen sich der Nutzer bewegt. Und sie sind aus Sicht des Unternehmens am sinnvollsten so aufgebaut, dass der Nutzer auf dieser Plattform bleibt, dort einkauft, dort Nutzungsspuren hinterlässt. Nicht kompatible Datenformate sind ein effektives Instrument, solche Ökosysteme aufzubauen.

iRights.info: Wäre denn Epub3 in seiner Funktionalität mit den anderen Formaten gleichwertig?

Christoph Bläsi: Das ist ein wichtiger Punkt, denn Apple und Amazon könnten ja behaupten, Interoperabilität ist nicht möglich, weil ihre eigenen Formate Funktionen erlauben, die mit Epub3 nicht möglich sind. Zum Beispiel Ausschnitte zu vergrößern oder eine Vorlesefunktionen. Wir haben herausgefunden, dass das nicht der Fall ist. Das ist ein ganz essentieller Teil unserer Studie. Alles, was man sich für so genannte „enhanced E-Books“, also E-Books mit erweiterten Funktionen, wünschen kann, ist mit Epub3 möglich. Es ist sogar so, dass Epub3 Eigenschaften möglich macht, die sonst mit keinem anderen Format möglich sind. Die Verbände von Verlagen und Buchhändlern hätten hier also die Möglichkeit, Amazon und Apple argumentativ den Rückweg zu versperren.

iRights.info: In Ihrer Studie sind Sie auch zu dem Schluss gekommen, dass der Mangel an Interoperabilität eine Gefahr darstellt für die Vielfalt der Buchkultur in Europa. Wie kommen Sie zu dem Ergebnis?

Christoph Bläsi: Die Menge aller angebotenen Bücher ist bei den verschiedenen Shops in den verschiedenen Welten nicht identisch. Die haben zwar eine große Überschneidung – die Bestseller gibt es überall –, aber wenn ich mich einmal für eine Plattform entschieden habe, und ich will ein Buch kaufen, das nicht gerade ein Bestseller ist, kann es sein, dass es diesen Titel in dem Ökosystem, in dem ich mich bewege, nicht gibt, sondern nur in einem anderen. Da ich die Bücher von dort aber nicht lesen kann, ist mir zwar nicht endgültig der Zugang zu diesem Buch verwehrt, aber mir ist eine extreme Hürde errichtet worden.

iRights.info: Sie haben in der Studie auch festgestellt, dass Interoperabilität aber möglich wäre.

Franz Rothlauf: Ja, auf der Formatebene ist das relativ leicht, denn die Formate lassen sich leicht ineinander umwandeln. Aber eine der Haupterkenntnisse der Studie war, dass dies für echte Interoperabilität nicht ausreicht. Interoperabilität in dem Sinne, dass der Nutzer Wahlfreiheit hat, welche Bücher er mit welchen Lesegeräten lesen möchte, die erreichen Sie nur dann, wenn die vorher beschriebenen Ökosysteme kompatibel sind.

iRights.info: Warum ist das so schwierig?

Franz Rothlauf: Weil es eben oft dem Geschäftsmodell der Unternehmen widerspricht. Die sind daran interessiert, den Nutzer an diese eine Plattform zu binden. Und es gibt noch eine Schwierigkeit: Wenn Sie ein Buch bei Anbieter A gekauft haben, dann kommt das mit bestimmten Rechten und Restriktionen, die durch eine digitale Rechteverwaltung gesichert sind. Zum Beispiel dürfen Sie das Buch nur zwanzig Mal anschauen. Wenn Sie dieses Buch in ein anderes Ökosystem B übertragen, muss der Anbieter dieses Ökosystems dann eigentlich diese Rechte und Restriktionen garantieren, die Ihnen von B auferlegt oder gewährt wurden. Sie müssen also die Rechte, die Sie an dem Buch haben, übertragen können vom einen zum anderen. Das ist zwar technisch möglich, aber ich muss es als Anbieter auch wollen.

iRights.info: Wer könnte Ihrer Ansicht nach auf welche Weise dafür sorgen, dass Interoperabilität Wirklichkeit wird?

Franz Rothlauf: Der Nutzer sollte darauf achten, möglichst offene Endgeräte zu kaufen, und nicht solche, die für eine bestimmte Plattform geschlossen sind. Das gilt vor allem auch für Anschaffungen durch öffentliche Einrichtungen, Regierungen zum Beispiel. Den großen Playern auf dem Markt, also hauptsächlich Amazon und Apple, würden wir nahelegen, dass sie ihre Systeme öffnen.

Und als letztes würden wir auch den kleinen Buchläden empfehlen, die Herausforderung E-Book anzunehmen. Dass sie aktiv auf E-Books zugehen und ihren Kunden das auch ermöglichen. Denn wir beobachten, dass der Buchhändler um die Ecke zwar sehr gerne Bücher mag, aber mit den ganzen technischen Details, die es erfordert, um E-Books auf dem Markt anzubieten, überfordert ist. Wir glauben deshalb, dass das nur im Zusammenschluss mit anderen Händlern oder Verbänden möglich sein wird.

Christoph Bläsi: Das ist natürlich ein klein wenig eine Wunschvorstellung, der wir da anhängen. Denn die Latte hängt schon sehr hoch – was die Ökosysteme jetzt schon an Funktionen bieten, das ist gigantisch. Da geht es nicht nur darum, die Kräfte zu bündeln und gegensätzliche Interessen zu überwinden. Sondern man muss auch einen Weg finden, wie man das finanziert. Denn wenn man über die Technologie spricht, dann geht es um viel Geld. Und derjenige, der dahinter steht, wäre ja kein Unternehmen, sondern ein Zusammenschluss von Unternehmen, bei dem einige der Mitglieder dann selber Interessen haben – eine schwierige Sache.

Dr. Christoph Bläsi ist Professor am Institut für Buchwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Dr. Franz Rothlauf ist Professor für Wirtschaftsinformatik und BWL der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

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