Geschlossene Plattformen 12. November 2012 von

Von Wolke zu Wolke: Der Wechsel wird schwieriger

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Die großen Webunternehmen wie Apple, Google oder Amazon bieten immer mehr Dienste aus einer Hand an und liefern auch die Hardware dazu. Was für die Nutzer komfortabel sein kann, hat auch Nachteile: Die Hürden für einen Wechsel der Plattform steigen. Fachleute sprechen von der Herausbildung „geschlossener Plattformen” oder „digitaler Ökosysteme“.

Als Kunde hat man die Qual der Wahl: Soll es das neue Smartphone von Apple sein? Oder eines, auf dem Googles Android-System läuft? Ein E-Book von Amazon oder aus dem iTunes-Store? Dennoch gleicht die Wahl immer häufiger einer Vorentscheidung für eine bestimmte Plattform. Die Großen der Branchen werden zum Rundum-Dienstleister, neben Hardware und Software verkaufen sie auch Inhalte, vor allem Musik, E-Books und Filme.

Zwar haben Unternehmen wie Google, Apple oder Amazon ursprünglich nicht viel gemeinsam und ihre Geschäftsmodelle sind auch heute noch im Kern unterschiedlich. Doch seit sie immer mehr Dienste aus einer Hand anbieten, geraten sie zunehmend in Konkurrenz zueinander. Zusammen mit Facebook als Nummer vier dominieren sie einen Großteil des Internets – auch wenn letzteres unter mehreren Gesichtspunkten nicht ganz vergleichbar ist.

Geschlossene Welten

Damit einher geht eine Entwicklung, die häufig als Herausbildung eigener „Ökosysteme” bezeichnet wird. Das klingt auf den ersten Blick gut und nach einer erhaltenswerten Sache. Gemeint ist aber ein anderer Aspekt: Die Plattformen der Anbieter werden immer stärker zu eigenen Welten, die man kaum mehr verlassen muss, weil sie (fast) alles aus einer Hand anbieten. Die einzelnen Dienste werden zunehmend verzahnt und Anwendungen und Inhalte auf die jeweilige Hardware- und Softwareumgebung zugeschnitten.

Man kann die Plattform zwar in der Regel wechseln oder nur bestimmte Dienste nutzen, in der Praxis wird das aber immer aufwändiger. Die Strategie dahinter: Die Unternehmen können ihre Kunden langfristig binden und so die eigene Marktposition sichern (einen ausführlichen Überblick dazu bietet zum Beispiel die Broschüre „Apple, Google, Facebook, Amazon“ der Landesanstalt für Medien NRW).

Verstärkt wird das dadurch, das viele Funktionen und Anwendungen in die Cloud wandern. Datei- und Ordnerverwaltung wie beim klassischen Heim-PC tritt etwa zunehmend in den Hintergrund, stattdessen koppeln sich Cloud-Speicherdienste an Programme an, laden Dokumente automatisch ins Netz oder gleichen gekaufte Inhalte über die Cloud mit anderen Geräten ab. So werden die Cloud-Dienste der großen Plattformen tendenziell zu einer Art zweitem Betriebssystem, auf das Programme und Dienste aufsetzen.

Der Trend vom Besitz zum Zugang bei digitalen Inhalten kann auch dazu führen, dass die Kontrolle darüber zunehmend weg vom Nutzer führt, etwa wenn man die erworbenen E-Books oder Filme nur auf der jeweiligen Plattform nutzen kann. Das eigene Benutzerkonto wird dabei immer mehr zum neuralgischen Punkt: Wird es gesperrt oder löscht man es selbst, kann es passieren, dass man auch alle zugehörigen Inhalte los ist. Auch eine Fernlöschung von Inhalten ist bei einigen Anbietern prinzipiell möglich.

Bremse für Innovation und Meinungsfreiheit?

Neben einem erschwerten Wechsel der Plattform und weniger Kontrolle beim Nutzer sehen Kritiker weitere Probleme, wenn sich Angebote zu „geschlossenen Plattformen” oder „digitalen Ökosystemen” entwickeln. Wo die Unternehmen eigene App-Stores betreiben, gewinnen sie zugleich auch Kontrolle darüber, welche Programme auf ihren Geräten ausgeführt werden können. Für die Nutzer kann das mehr Sicherheit – etwa vor Schadsoftware – und mehr Komfort bringen. Doch zugleich bekommen die Plattformen eine Macht, die bedenklich erscheinen kann.

Denn indem sie darüber entscheiden, welche Programme angeboten werden dürfen, können sie Konkurrenten ausbremsen oder auch missliebige Inhalte unterdrücken – ein häufig genanntes Beispiel ist Apples App-Store, in dem nur Inhalte vertrieben werden können, die nicht als „anstößig” klassifiziert werden. Zugleich können die Plattformen so über Geldflüsse und Geschäftsmodelle mitentscheiden. Zuletzt sorgte etwa eine Entscheidung Apples für Aufmerksamkeit, nach der Funktionen des Bezahldienstes Flattr nicht in mobile Programme eingefügt werden dürfen.

Zwar sind – das lässt sich als Gegenargument anführen – weder die Nutzer noch die Inhalteanbieter gezwungen, auf den Plattformen präsent zu sein, dennoch haben Entscheidungen der Plattformen nach „Hausrecht” mit zunehmender Marktmacht enorme Auswirkungen.

Sackgasse Zentralisierung?

Kritiker wie der Internetrechtsprofessor Jonathan Zittrain von der Harvard Law School sehen durch solche geschlossenen Plattformen sogar die weitere Entwicklung des Internets gefährdet. Sie argumentieren, dass das Internet nur entstehen konnte, weil durch offene Standards, freie Software und Computer, auf denen beliebige Programme laufen können, eine ungeahnte Entwicklungsdynamik ausgelöst wurde. Daher fordern sie auch eine stärkere politische Regulierung der Plattformanbieter.

Andere halten dagegen, dass durch professionelle Cloud-Dienste wie etwa jenen von Amazon gerade kleinere Entwickler und Unternehmen neue Anwendungen für die Nutzer anbieten können. So sei durch Cloud Computing ein neuer Entwicklungsschub ausgelöst worden, erwidert etwa der Cloud-Spezialist und -Berater Bernard Golden auf die Position Zittrains. Durch digitale Schnittstellen (APIs) seien auch die Möglichkeiten der Anwender, über Daten zu verfügen, gewachsen.

Ist der Trend zu „digitalen Ökosystemen” am Ende unausweichlich? Folgt man Internettheoretikern wie Tim Wu, dann war die technische Entwicklung stets durch vergleichbare Zyklen geprägt – aus offenen, dezentralen wurden geschlossene und zentrale Systeme mit wenigen großen Anbietern – ähnlich war es schon bei Telefongesellschaften und im Rundfunk, wie er am Beispiel der USA untersucht hat. Auch wenn zum Beispiel Google im Moment noch stark auf offene Standards setze, sei nicht sicher, ob das auch so bleiben wird.

In jedem Fall werden Entwickler auch weiter an Ideen abseits der großen Plattformen arbeiten. Ein Beispiel ist die Initiative „Unhosted“, welche Anwendungen entwickelt, die übers Web auf allen Geräten zugänglich sind. Die eigentlichen Daten der Nutzer bleiben davon jedoch getrennt und lagern zum Beispiel auf einem selbsteingerichteten, privaten Server. Das ist nicht unbedingt etwas für den durchschnittlichen Anwender, aber wer weiß schon, was im nächsten Schritt daraus wird – auch digitale Ökosysteme entwickeln sich weiter.

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