Interview 21. März 2014 von

Cory Doctorow: Das Urheberrecht sollte dem kreativen Schaffen aller dienen

Bild-22201

Cory Doctorow, Schriftsteller, Internet-Aktivist und Journalist, spricht im iRights.info-Interview darüber, warum Kopierschutz in digitalen Technologien nicht nur eine schlechte, sondern eine gefährliche Idee ist; über Internet-Monopole und die Kreativwirtschaft – und darüber, warum wir keine Kathedralen mehr bauen, aber die Kreativität nicht untergegangen ist.

Ist der Zugang zu Werken der neue Besitz? Wer digitale Inhalte mit Netflix oder Spotify nutzt, nimmt an diesem Wandel bereits teil. Für Cory Doctorow ist das eine Frage, auf die letztlich die Entertainment-Industrie Antworten finden muss. Für Nutzer ergibt sich aus den bestehenden Modellen jedoch, dass sie in den Ketten der Industrie gehalten werden. Denn damit man auf Inhalte zugreifen kann, aber Kopien beim Nutzer verhindert werden, müssen Nutzer die Kontrolle über ihre Geräte und Systeme abgeben, sagt Doctorow im Interview.

Ein Szenario, das Doctorow scharf kritisiert: Die dabei eingesetzten Kopierschutzsysteme basierten stets darauf, dem Nutzer gegenüber intransparent zu sein: Wer sie etwa erforscht und Sicherheitslücken aufdeckt, kommt schnell mit dem Urheberrecht in Konflikt, das es verbietet, die Mechanismen zu umgehen.

Entsprechend harsch kritisiert er die Pläne des vom „Web-Erfinder“ Tim Berners-Lee geleiteten World Wide Web Consortiums (W3C), Kopierschutz-Schnittstellen für das Web zu schaffen. Aufgabe des Gremium sei es, für ein offenes Zusammenspiel der Internet-Technologien (Interoperabilität) und für ihre Widerstandsfähigkeit zu sorgen – Kopierschutz-Standards seien dabei ein Widerspruch in sich.

„Größte Zahl unterschiedlichster Inhalte“

Als Grundproblem des gegenwärtigen Urheberrechts sieht Doctorow, dass jeder Bürger mit ihm Berührung kommt, obwohl es ursprünglich nur für die Inhalteindustrie – Verleger, Musikfirmen, Filmstudios – geschaffen wurde. Die Nutzungsbedingungen all der Plattformen im Web erweitern das noch, indem sie bereits das Lesen eines Buches oder das Anschauen eines Films lizenzpflichtig machen wollen. Diese Entwicklungen führten dazu, dass das Urheberrecht schlechthin heute weithin als absurde Idee angesehen werde.

Foto: Jonathan Worth, CC BY

Cory Doctorow ist Science-Fiction-Schriftsteller, Internet-Aktivist und Journalist. Er schreibt bei BoingBoing, war Europa-Koordinator der EFF und gehört zu den Gründern der Open Rights Group. Er lebt in Los Angeles. Foto: Jonathan Worth, CC BY

Der Zweck des Urheberrechts aber liege nicht darin, „dass fünf Hollywoodstudios, drei Majorlabels und fünf Großverlage solvent bleiben“. Er liege vielmehr darin, dass die „größte Zahl an Menschen die größtmögliche Anzahl unterschiedlichster Inhalte produzieren und damit verschiedenste Menschen erreichen kann“.

Goldenes Zeitalter für Kreative weder hinter uns noch in Sicht

Der Kritik an der Internetökonomie, wie sie etwa Jaron Lanier übt, widerspricht Doctorow. Während Lanier diese als „feudales“ System beschreibt, in dem Nutzer und Kreative umsonst für die Internetunternehmen als den „Herren der Cloud“ arbeiten, sieht Doctorow eine Demokratisierung; ein goldenes Zeitalter für kreative Arbeit habe es nie gegeben. Wenn mit den digitalen Technologien die Kosten fallen, um Inhalte zu produzieren und zu verbreiten, sei das aber ein klarer Fortschritt. Dass die Produktivitätsgewinne durch Digitalisierung und Automatisierung nicht allen zugute kommen, sei nicht die Folge der Technik, sondern der neoliberalen Ökonomie.

Dennoch habe besonders die Regulierung in der Internetwirtschaft versagt. So könne es unter dem gegenwärtigen Urheberrecht nur ein einziges Youtube geben, weil kaum ein zweites Unternehmen imstande sei, ein vollautomatisiertes System zu schaffen, um sämtliche Inhalte auf Rechtsverletzungen zu prüfen. Auch die Regulierung von Telekommunikationsunternehmen sei „eine Schande“, die Zensur und die von Edward Snowden enthüllte flächendeckende Überwachung erst ermöglicht habe, sagt Doctorow.

Zum Thema bei iRights

Zum Thema im Internet

Was sagen Sie dazu?