Evolution oder Revolution? 15. Januar 2014 von

Big Data in der Medizin

In Blutwerten, DNA-Profilen und Fallstudien könnten sich medizinisch nutzbare Erkenntnisse verbergen – wenn man sie im großen Stil erfasst und analysiert. Allerdings wirft „Big Data“ in der Medizin auch Fragen auf – von der Rolle der Ärzte bis zum Datenschutz.

Ein Forscherteam am Institute of Technology der University of Ontario überraschte 2010 die Fachwelt mit einer Beobachtung. Anders als man das intuitiv vermuten würde, stabilisieren sich bei Frühgeborenen zunächst die Vitalfunktionen, bevor es zu einer schweren Infektion kommt.

Möglich machte diese Erkenntnis eine Software, die pro Sekunde 1.260 Datensätze von Patienten erfasst – von der Atmung bis zum Sauerstoffgehalt im Blut. Erst die Zusammenführung und Analyse der gewaltigen Mengen an Körperdaten brachte die zuvor unbekannten Krankheitssymptome zu Tage. „Sie können es nicht mit dem bloßen Auge sehen, aber der Computer kann es“, erklärt Forschungsleiterin Carolyn McGregor. Ärzte können anhand der Daten nun früher gegen drohende Infektionen vorgehen.

McGregors Untersuchung ist ein beliebtes Beispiel für den Einzug der „Big Data“-Forschung in die Medizin. Gemeint sind damit Verfahren, bei denen große Datenmengen aus vielfältigen Quellen erfasst, verteilt, gespeichert, durchsucht, analysiert, miteinander in Beziehung gesetzt und visualisiert werden.

Im Gesundheitswesen sollen sie helfen, Krankheiten früher und besser zu erkennen, zu therapieren oder gar zu vermeiden – so zumindest die Vision von Wissenschaftlern und Unternehmen. Der Internetforscher Viktor Mayer-Schönberger von der Universität Oxford ist sich bereits sicher, Big Data helfe in Zukunft „ganz unmittelbar Menschenleben zu retten“. Doch wie genau macht Big Data das?

Zusammenhänge erstmals beobachten

IT-Technik ist in der Medizin nichts Neues. Charakteristisch für Big-Data-Analysen ist allerdings, dass sie den üblichen wissenschaftlichen Arbeitsweg umdrehen können. Klassischerweise stellen Forscher eine Hypothese über ursächliche Zusammenhänge auf und überprüfen sie mit statistischen Verfahren. Doch die gezielte Datensammlung ist aufwändig und kostspielig. Also gehen die Forscher normalerweise nur einer begrenzten Zahl von Hypothesen nach, und beschränken die Zahl der Parameter. Sie fragen etwa, ob die Wirkstoffe X, Y, Z – wie theoretisch vorhergesagt – einen Einfluss auf die jeweilige Krankheit  haben.

Big-Data-Verfahren ermöglichen dagegen den umgekehrten Weg – von den Daten zur Hypothese. Sie setzen beim immer größer werdenden Datenschatz an, der beispielsweise in Millionen von elektronischen Krankenakten oder Umweltregistern steckt. Big-Data-Ansätze folgen der Devise: Je größer und vielfältiger die Datenmenge ist, und je schneller sie anfällt, desto besser. Ermöglicht wurde diese Entwicklung erst durch neue, kostengünstige Techniken zur Datensicherung und -auswertung.

Die Forscher untersuchen die Daten mit Hilfe von Algorithmen automatisiert nach Zusammenhängen. Im besten Fall entdecken sie so Korrelationen, nach denen sie gar nicht gefragt hatten. Wie im Fall der neu entdeckten Infektionssymptome bei Frühgeborenen. „Der medizinische Forscher muss nicht selbst Hypothesen bilden und diese dann in den Daten testen, sondern bekommt aus den Daten belegbare Hypothesen präsentiert und kann sie inhaltlich bewerten“, erklärt Stefan Rüping, Experte für Data Mining und „Big Data Analytics“ am Fraunhofer-Institut für Intelligente Analyse- und Informationssysteme (IAIS). „Der neue Ansatz besteht also darin, die Phantasie des Forschers beim Finden neuer Fragestellungen durch Datenintelligenz zu ergänzen.“

Die Hoffnungen in dieses Data Mining sind groß. Datenanalysen im großen Stil könnten beispielweise preisgeben, wie bestimmte Gene und Blutwerte mit Krankheiten wie Alzheimer, Krebs oder Schizophrenie zusammenhängen.

Handeln, ohne zu wissen, warum?

Allerdings liefern die Big-Data-Analysen keine Erklärung für die Zusammenhänge, die sie zu Tage fördern. Umstritten bleibt die Frage, inwieweit Mediziner sie zur Grundlage ihres Handels machen sollten, bevor die Ergebnisse auch kausal begründbar sind.

Mit Blick auf die Segnungen von Big Data verweist der Internetforscher Mayer-Schönberger beispielhaft auf die Grippe-Vorhersage der Suchmaschinen-Firma Google („Google Flu Trends“). Das Unternehmen fand rückblickend Zusammenhänge zwischen dem Verlauf von Grippewellen und den Internetsuchen in den betroffenen Gebieten. Daraus entwickelte das Unternehmen Algorithmen, die neue Grippewellen teilweise erstaunlich genau und vor allem weit schneller vorhersagen als übliche Prognoseverfahren.

Mayer-Schönberger zufolge können Gesundheitsämter die Google-Prognose schon heute nutzen, etwa um bestimmte Regionen rechtzeitig mit Impfstoff zu versorgen. Dazu müssten sie nicht einmal wissen, welcher kausale Zusammenhang zwischen den Suchabfragen und der Grippe besteht. „Wir müssen nicht mehr für alles Kausalzusammenhänge ermittelt haben, bevor wir daraus Einsichten gewinnen und Handlungsanweisungen ableiten können“, so Mayer-Schönberger im Interview mit iRights.info. Eben diesen Paradigmenwechsel in der Forschung hält er für eine Revolution.

Zwar beziehen Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate Google Flu Trends bereits in ihr Frühwarnsystem für Epidemien ein. Allerdings wurden zuletzt Zweifel an dem Verfahren laut, das vielerorts stellvertretend für die Big-Data-Segnungen in der Medizin steht. So schätzte die Analyse-Software die Zahl der Grippe-Infizierten in den USA im Januar 2013 als etwa doppelt zu hoch ein,  wie das Wissenschaftsmagazin „Nature“ berichtet.

Forscher vermuten, dass die Medienberichterstattung zur Grippe sich auf das Suchverhalten der Internetnutzer auswirkt und so die Prognose verzerrt. Google Flu Trends könnte die Ergebnisse sogar selbst beeinflussen, wenn etwa Medien über Googles Grippewarnungen berichten, was wiederum mehr Menschen dazu verleitet, die Krankheitssymptome zu googlen.

Grundlagenforschung bleibt wichtig

Grundsätzlich mahnt der Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer (TU München) mit Blick auf Big-Data-Erkenntnisse in der Medizin: „Erst eine gründliche Grundlagenforschung erklärt die kausalen Zusammenhänge und garantiert damit nachhaltige Diagnosen und Therapien.“ Speziell bei den Big-Data-Algorithmen bestehe die Gefahr, dass man nur noch auf ihre Schnelligkeit setze. „Es wäre fatal, wenn aus schneller Profitgier die Bedeutung der Grundlagenforschung unter die Räder käme.“ Auch der Literaturwissenschaftler Manfred Schneider warnt davor, den Erkenntnisgewinn von rein statistischen Zusammenhängen zu überschätzen. „Auch die Korrelation des Bierkonsums in Europa mit der Häufigkeit von Verkehrsunfällen in Bangladesh an Wochenenden ergäbe einen Befund.“

Ängste vor rein datenbasierten Fehldiagnosen und -therapien hält Stefan Rüping vom IAIS indes für unbegründet. Die Vorschriften seien sehr strikt. Neues medizinisches Wissen müsse immer noch einmal unabhängig in kontrollierten Studien verifiziert werden. „Die relevante Frage ist allerdings nicht, ob eine neue Diagnosemethode oder Therapie fehlerfrei ist – das ist in der Medizin üblicherweise nicht der Fall – sondern ob sie klar besser ist als die beste bekannte Standardbehandlung.“ Darüber hinaus sei ein rein statistisches Vorgehen ohne inhaltliches Verständnis in der Datenanalyse immer eine schlechte Idee. „Die Entwicklung neuerer, besserer Datenanalyseverfahren ist in vielen Fällen eher eine Evolution statt eine Revolution.“

Der gläserne Patient

Neben der Entdeckung von Zusammenhängen verspricht Big Data in der Medizin eine maßgeschneiderte Behandlung. Indem konkrete Fälle mit großen Datenmengen – etwa über Krankheitsverläufe – abgeglichen werden, sollen bessere Diagnosen und Medikationen möglich sein. Beispielsweise nutzt das Memorial Sloan-Kettering Cancer Center in New York den IBM-Supercomputer „Watson“ zur Entwicklung einer Software, die personalisierte Krebs-Therapien vorschlägt. Dazu verarbeitet Watson zum Beispiel 1,5 Millionen Patientenakten und 600.000 Forschungsberichte und  Fachartikel. Auch am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam suchen Forscher nach Methoden, das weltweite medizinische Wissen „am Krankenbett“ verfügbar zu machen.

Der Wissenschaftstheorethiker Mainzer ist sich bereits sicher: „Ohne den Einsatz hochentwickelter Algorithmen wird die Medizin in Zukunft nicht mehr auskommen.“ Das medizinische Wissen wachse täglich in unvorstellbarer Weise. Allein über Diabetes gebe es circa 400.000 Fachartikel. „Selbst ein Spezialist kann diese Artikel in einem kurzen Leben nicht bewältigen“, so Mainzer. „Hier bedarf es intelligenter Software, die über semantisches Verständnis verfügt und die jeweils relevanten Informationen für eine Diagnose und Therapie herausfiltert.“

Prinzipiell hält es Mainzer für möglich, den Menschen im Sinne einer personalisierten Medizin eines Tages in allen Details zu erfassen. „Der gläserne Patient, der bis auf die molekulare Ebene individuell durchleuchtet wird, ist aus Sicht der Rechnertechnologie möglich.“ Bei Krankheitsverläufen wie Krebs wäre ein dauerndes Screening auch notwendig, da Krebstumore und Krebszellen sich genetisch dauernd verändern und die Therapien angepasst werden müssten. Allerdings werde es Zeit und sehr viel Geld kosten, alle ungeheuer komplexen Details des menschlichen Organismus bis auf Molekularebene zu erforschen.

Sind Maschinen die besseren Ärzte?

Schon heute werfen computergestützte Diagnosen und Therapievorschläge die Frage nach der künftigen Rolle der Ärzte auf. Der US-Investor Vinod Khosla provoziert den Berufsstand mit seiner These, Computer beziehungsweise „Dr. Algorithmus“ würden künftig 80 Prozent der bisherigen Tätigkeit eines Arztes überflüssig machen.

Der Wissenschaftstheoretiker Mainzer warnt dagegen davor, sich allzu sehr auf scheinbar „objektive“ Daten und Verfahren zu verlassen. „Warum haben Ärzte eine Wissenschaft wie die Medizin studiert, wenn sie am Ende nur noch Daten ablesen und zusammenstellen?“ so Mainzer. „Die Einordnung und das Verständnis der Daten erfordert die medizinische Urteilskraft des Arztes.“ Hierzu gehörten auch psychologisches und soziales Verständnis für die Situation eines Patienten, das nicht in Algorithmen abbildbar sei.

Stefan Rüping vom IAIS sieht statt einer Konkurrenz von Mensch und Maschine eher eine Koexistenz. „Dem Arzt werden automatisch deutlich mehr relevante Informationen zur Verfügung stehen, auf denen er seine Entscheidung stützen kann – die er aber selbstverständlich weiterhin selbst trifft.“

Probleme bei der Datenbereitstellung

Noch liegt die Erfüllung vieler Big-Data-Träume in weiter Ferne. Eine erste Hürde besteht in der Qualität und der technischen Bereitstellung der Daten. Beispielsweise liegen die theoretisch nutzbaren Datenmengen oftmals dezentral und in uneinheitlichen Dateiformaten vor – wenn sie überhaupt schon digitalisiert sind.

„Vielfach wird noch mit Papierakten gearbeitet, elektronische Patientenakten können selbst im selben Krankenhaus zwischen verschiedenen Abteilungen sehr verschiedene Formate haben und die Semantik der Daten ist durch automatisierte Verfahren nur sehr schwer zu verstehen“, erklärt Stefan Rüping zur Lage in Deutschland. Ein Großteil der Arbeit in klinischen Studien liege darin, die Daten sinnvoll und korrekt einzugeben. „Erst danach kann sinnvoll eine wie auch immer geartete Datenanalyse ansetzen.“

Auch in den USA macht die Datenqualität Probleme. Man sei bei der Datenerfassung immer noch auf 100 Jahre alte Transkriptionstechnik angewiesen, sagte jüngst der Mediziner Douglas Johnsten (Cleveland Clinic) auf einem Podium zur Frage, woran Big Data in der Medizin bisher scheitert. „Ich sehe, dass die Ergebnisse mangelhaft sind, weil Müll raus kommt, wenn Müll rein geht.“ Außerdem stellt sich die Frage, welchen Daten man trauen kann: Ob Daten etwa aus Studien der Pharmaindustrie immer zuverlässig sind, bleibt problematisch.

Zumindest im Bereich der Krebsforschung will Deutschland vorangehen. Mitte 2013 startete der Aufbau des flächendeckenden klinischen Krebsregisters. Nach einheitlichen Kriterien werden darin die Daten der Krebspatienten in Deutschland gesammelt, von der Diagnose über die Therapie bis zu Rückfällen, Genesung und Tod.

Großbritannien geht noch einen Schritt weiter, indem es mit dem Projekt Clinical Practice Research Datalink (CPRD) die Krankenakten aller Einwohner zentral sammelt und mit anderen Registern wie Gen-Datenbanken und Umweltregistern verknüpft. Der Datenschatz soll Wissenschaftlern anonymisiert zur Verfügung stehen.

Rechtliche Hürde: Datenschutz

Ebenfalls zur Debatte steht der rechtliche Rahmen für Big-Data-Forschung in der Medizin. Daten zur Gesundheit eines Menschen sind als „sensible Daten“ vom Bundesdatenschutzgesetz besonders geschützt. IAIS-Experte Rüping entwickelt im Rahmen des EU-Projekts EURECA Techniken (unter dem Stichwort Privacy-Preserving Data Mining), die im Einklang mit dem Datenschutz stehen, und beispielsweise die Anomymisierung personenbezogener Daten garantieren sollen.

Auch in Fällen, in denen die Patienten der Datenverwendung zustimmen müssen, bleiben offene Fragen. „Ein Problem ist, dass ein Patient um rechtlich und ethisch einwandfrei der Verarbeitung seiner Daten zustimmen zu können, verstehen können muss, was mit seinen Daten passiert, welche Ergebnisse zu erwarten sind und welches Risiko von Missbräuche potentiell besteht“, so Rüping. „Dies ist bei sehr komplexen Verfahren der Datenanalyse sehr schwierig.“

Krankheitsrisiken: Fluch der Erkenntnis?

Schließlich wirft Big Data in der Medizin eine Reihe von ethischen Fragen auf. Das neue Wissen um Krankheitsrisiken könnte beispielsweise Versicherungen dazu verleiten, von Risikopatienten höhere Prämien zu verlangen. „Das ist eine konkrete Gefahr“, meint der Internetforscher Mayer-Schönberger. „Hier müssen wir wohl gesetzliche Maßnahmen ergreifen, die es Versicherungen verbieten, mittels Big-Data-Analyse zwischen den einzelnen Menschen zu differenzieren.“ Auch die Frage nach der Prävention könnten Big-Data-Erkenntnisse neu aufwerfen. Wäre es vertrebar oder sogar geboten, gesunden Patienten vorsorglich Medikamente zu geben, weil etwa das Genprofil hohe Krankheitsrisiken anzeigt?

Schließlich steht zur Debatte, wem eine kostenintensive, personalisierte Medizin zu Gute kommt. Kann die Gesellschaft schwer kranken, aber armen Patienten die Segnungen einer teuren High-Tech-Medizin verweigern? „Hier werden ethische und rechtliche Probleme der Verteilungsgerechtigkeit auf uns zukommen, von denen wir uns heute noch keine Vorstellung machen“, meint der Wissenschaftstheoretiker Klaus Mainzer.

Dem Medizinsektor ergeht es also so wie anderen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Bereichen: Big Data löst große Hoffnungen aus, aber auch Ängste.

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