Amazon 11. Januar 2013 von

Amazons Autorip: Bekommen wir demnächst auch Bücher geschenkt?

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Amazons US-Kunden, die dort nach 1997 Musik-CDs gekauft haben, bekommen die Musik nun als MP3-Datei im Cloud-Player des Unternehmens bereitgestellt. Wird das „Autorip” genannte Programm damit zur Bedrohung für Apples iTunes, oder ist das nicht mehr als ein Marketing-Coup? Und bekommen Kunden demnächst auch ihre Bücher kostenlos als E-Books? Eine Analyse.

In seiner Pressemitteilung schreibt Amazon: „Über 50.000 Alben, darunter auch Titel von den vier großen Musikkonzernen, sind bei Autorip verfügbar. Neue Titel kommen ständig dazu und sind an dem Autorip-Logo zu erkennen.” Demnächst könnte der Service auch in Deutschland verfügbar sein.

Warum bietet Amazon überhaupt Autorip an?

Auf den ersten Blick scheinen CD-Liebhaber mit dem Angebot belohnt zu werden. Sie bekommen ein kostenloses „Extra“. Kunden, die sich sonst im Netz ein komplettes Album im MP3-Format gekauft hätten, werden nun vielleicht lieber wieder eine gute alte CD bestellen, weil sie beides auf einmal haben können. Möglicherweise kommen „Digital Natives“ so erstmals in Berührung mit dem physischen Werkträger.

Doch das Angebot lässt auch den umgekehrten Schluss zu. Es soll wohl eher dazu dienen, jene Kunden in die Cloud zu locken, die bislang an physischen Werkkopien festhalten. Nach dem Motto: ‚Wo ist da jetzt meine CD im Internet nochmal?‘. Der Marketing-Coup ist auch eine große Werbekampagne für Amazons Cloud Player. Dennoch lohnt es einen genaueren Blick.

Steht die CD vor dem großen Comeback?

Unwahrscheinlich. Der CD-Verkauf ist weltweit rückläufig. In Kauhäusern purzeln auf dem CD-Wühltisch die Preise. Das Amazon-Angebot führt vielleicht sogar zu einer Beschleunigung des Medienwandels, eben weil CD-Käufer mit der Nase auf die Cloud gestoßen werden. Hier treten zusehends Musik-Streaming-Dienste wie Spotify oder Deezer auf den Plan. Kein Bereich des Musikmarktes wächst schneller. Gegenüber einem cloudbasierten Musik-Abo, das auf allen Endgeräten überall nutzbar ist, wirken selbst Downloads etwas von gestern – und das umständliche Abspielen auf einem (immer seltener verfügbaren) CD-Player erst recht.

Ist Amazons Angebot revolutionär?

Auf den Internetseiten von Amazon bejubeln Kunden die Autorip-Funktion. Ein Kunde berichtet, er habe gerade 4.000 Lieder im Cloud-Player vorgefunden, die er zuvor auf CD-Alben kaufte.

Doch so revolutionär ist der Schritt eigentlich nicht. Das Umwandeln von CDs in MP3s stellt für die meisten Nutzer keine Hürde dar. In vielen Ländern ist das durch Regelungen zum privaten Kopieren auch erlaubt, wie in Deutschland. Und selbst dort, wo es nicht erlaubt ist, wie in Großbritannien, werden private Nutzer dafür nicht belangt. Im Gegenteil: im Vereinigten Königreich soll nun auch gestattet werden, Kopien zu privaten Zwecken zu machen. Auch kann jeder technisch versierte Nutzer die gerippten Lieder aus seiner CD-Sammlung auf alle seine Endgeräte überspielen oder sie in einer eigenen Cloud im Netz vorhalten.

Die Cloud-Musikspeicher von Amazon, Apple und Google gleichen auch bisher schon die lokale Musiksammlung mit dem Katalog des Anbieters ab. Doch Amazons Schritt ist sicherlich eine Vereinfachung, die Kunden an die Cloud-Lösung des Unternehmens bindet, die es gerne bequem haben.

Werden Kunden nun wieder mehr Alben kaufen?

Das bleibt abzuwarten. Das Einschneidende an der MP3-Revolution war in erster Linie, dass die Musik entbündelt wurde: Kunden können die Titel einzeln kaufen, die ihnen gefallen, und müssen nicht mehr das komplette Album nehmen. Man könnte auch sagen: Die Album-CD ermöglichte es Musik-Labels, den Kunden Musik anzudrehen, die sie gar nicht haben wollten. Die Abwägung des Kunden bleibt dieselbe. Der Albumkauf lohnt erst dann, wenn es teurer wäre, alle Stücke einzeln zu kaufen, die man davon hören will.

Aktuelle Zahlen sind daher wenig überraschend: 2012 wurden in den USA fast 1,4 Milliarden Songs als individuelle Downloads verkauft, im Vergleich zu knapp 314 Millionen Alben – 37 Prozent davon als Download. Geht man von zehn Songs pro Album aus, wären das zwar immer noch 3,14 Milliarden Songs, die in Form von Alben verkauft werden, aber der Trend ist eindeutig: Während im vergangenen Jahr vier Prozent weniger Alben verkauft wurden, stieg die Zahl der einzeln per Download verkauften Songs um fünf Prozent.

Können sich Kunden auf ein entsprechendes Angebot für Bücher freuen?

Wird jeder Käufer, der ein gedrucktes Buch kauft, die Kindle-Version kostenlos dazu bekommen? Oder sogar für Bücher, die man in der Vergangenheit gekauft hat? Unsere Prognose: Sehr unwahrscheinlich bis nahezu ausgeschlossen. Warum?

  • Amazon verkauft zu viele Bücher. Wollte das Unternehmen allen Büchern eine Kindle-Ausgabe kostenlos dazu geben, wäre das wahrscheinlich unbezahlbar. Denn die Rechteinhaber kassieren für jedes E-Book – Kosten, die Amazon übernehmen müsste. Das ist zwar bei CDs genauso, aber zum einen verkauft Amazon im Vergleich mit Büchern sehr wenige CDs. Zum anderen sind die Kosten für die E-Book-Rechte erheblich höher als für CDs.
  • Amazon dominiert den Markt für den Versand gedruckter Bücher ebenso wie den für E-Books. Bei Musik hat Amazon einen verschwindend geringen Marktanteil. Vor allem gewinnt Amazon Nutzer für den eigenen Cloud-Musikspeicher, der mit ählichen Diensten von Apple und Google konkurriert.Was den Anreiz erhöht, Musik zu verschenken, um aufzuschließen. Im Buch- und E-Book-Markt besteht dieser Anreiz für Amazon nicht.
  • CDs zu rippen ist einfach, Bücher zu rippen nicht. Wer eine CD besitzt, kann sie im Handumdrehen in MP3s umwandeln, was meist auch erlaubt ist – aber nur, so lange die Datei nicht kopiergeschützt ist. Da die Musikindustrie den Kopierschutz für CDs gegenüber den Kunden nicht durchsetzen konnte, heißt das: bei nahezu allen aktuellen CDs ist es erlaubt. Aber bei nahezu allen aktuellen E-Books verboten.Noch dazu ist der Kopierschutz erheblich schwerer zu umgehen als bei Musik-CDs. Zwar gibt es immer irgendwen, der es kann, und der stellt dann die kopierbare Version ins Netz. Nur haben viele Nutzer Hemmungen, sich unerlaubt angebotene Kopien aus dem Netz zu ziehen – entweder aus ethischen Gründen, oder weil sie Angst davor haben, erwischt und bestraft zu werden, oder weil sie sich keine Schadsoftware einfangen wollen.Ein gedrucktes Buch in ein E-Book-Format umzuwandeln, wäre zwar legal, aber ein gewaltiger Aufwand. Und gerade in Deutschland liegt nur ein Bruchteil der lieferbaren Bücher als E-Book vor, ältere praktisch gar nicht.
  • Ein weiterer Grund, den Jeff John Roberts von Paidcontent.org anspricht, könnte eine Rolle spielen: Bei vielen Büchern liegen die Rechte für E-Books bei den Autoren. Der Aufwand für Amazon, diese Rechte mit ihnen zu klären – heißt, eine entsprechende Vergütung mit ihnen auszuhandeln –, wäre enorm. Bei Musik liegen die Rechte meist bei den Labels und sind entsprechend einfacher zu bekommen – und wahrscheinlich meist auch billiger, möchten wir hinzufügen, da die Konkurrenz auf dem Markt wesentlich größer ist.

Schlechte Aussichten also für Buchkäufer, hier etwas geschenkt zu bekommen. Wahrscheinlicher ist es, dass mehr und mehr Verlage damit beginnen werden, Produkte gebündelt zu verkaufen: Zum gedruckten Buch gibt es das E-Book für einige Euro Aufpreis (man kann auch sagen: zum E-Book gibt es das gedruckte Buch für einige Euro dazu). In Deutschland ist von solchen Angeboten bisher allerdings noch weniger zu sehen als in den USA.

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